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Dienstag, 17.08.2010
Artikel vom Freitag, 6. August 2010 | Nr. 179 Lokales | Münchner Merkur von der Autorin Elisabeth Brandl:
Die Kraemermühle beherbergt heute Handwerksbetriebe, ein Hotel und das Gräfelfinger Wasserwerk
Gräfelfing - Eine Handbreit höher, und die kleine Insel an der Kraemermühle meldet Land unter in diesem August. "Das haben wir noch nie gehabt", sagt Adolf Wolf. Er kennt die Mühle am Gräfelfinger Wehr von klein auf. Schon Wolfs Vater lebte auf dem Schwemmland zwischen den beiden Würmarmen. Lange Zeit betrieb er hier seine Sägemühle, nachdem die Mühlenanlage bis ins 19. Jahrhundert hinein an die Bauern in der Nähe Mehl geliefert hatte.
Wer den Weg über die kleine Brücke nimmt, ist fasziniert, wie schlagartig die Würm auf den wenigen Zentimetern unter den Holzbohlen ihren Charakter verändert. Rechterhand noch ein sanftes Wiesenbächlein, wandelt sich die gleichmäßige, bräunlich schimmernde Wasseroberfläche jäh in einen wirbelden Strudel aus weißer Gischt. "Fische haben da keine Chance", meint Wolf. Auch Thomas Leineweber bedauert, dass sich im Flussunterlauf seltene Fischarten nicht tummeln können. "Leider gibt es hier keine Fischtreppe", sagte der Umweltbeauftragte der Gemeinde. Kein Fisch wird also jemals ungehindert vom Starnberger See in die Amper schwimmen.
Meist ist die Wehranlage ohnehin geschlossen, denn am östlichen Würmarm betreibt eine kleine Turbine Gräfelfings Wasserwerk. Immerhin liefert es mit 145 000 Kilowattstunden eine jährliche Energiemenge, die für den Strombedarf von fünf Einfamilienhäusern ausreicht. "Ein Liebhaberobjekt" nennt es Leineweber trotzdem, "denn die Anlage trägt sich nicht." Zu teuer sei die Entsorgung von Grüngut mittels der aufwändigen Rechenanlage. Außerdem hatte die Kommune beim Ankauf der Mühle Pech mit dem Timing. 1984 war das Gesetz, das den Einsatz erneuerbarer Energien vergütet, noch nicht in Kraft. "Deshalb bekommen wir für eine Kilowattstunde nur sechs Cent und nicht über 40 Cent" bedauert der Mitarbeiter vom Bauamt.
Wenn auch nicht der Ertragsquotient, so ist doch der Romantikfaktor hoch. Ein paar Schritte und der Spaziergänger erliegt der Magie einer uralten Welt. Kein Zweifel, die Gräfelfinger Mühle, mehrmals abgebrannt, im Dreißigjährigen Krieg zerstört und in sieben Jahrhunderten durch zahllose Hände gegangen, hat ein Schicksal hinter sich, das schillert wie die Haut eines Chamäleon.
Ihre erste urkundliche Erwähnung findet sie 1313 als Getreidemühle in einer Aufstellung von Kloster Schäftlarn. Gut zwei Jahrhunderte später teilte man das Anwesen an der Würm in die Gehöfte auf den heutigen Grundstücken Würmstraße fünf und sieben einerseits, und die Mühle sowie einen Hof auf der gegenüberliegenden Seite der Planegger Straße andererseits. Im Lauf der Jahrhunderte zählte der Besitz zu Kloster Benediktbeuren und wiederholt zu den Liegenschaften adeliger Grundherrn, wie der Hofmark Planegg.
Adelsfamilien wie die Planegger lebten auf Hofmarksschlössern entlang der gesamten Würm. Die Müller zahlten ihnen eine Pachtsumme für das Nutzungsrecht am Mühlengebäude und für das Vieh, die so genannte Stift. Gleichzeitig hatten die Grundherren als Obereigentümer ein Recht auf jährliche Abgaben wie die Gilt, eine Art Steuer für landwirtschaftliche Nutzung. 1643 übernahm der Müller Georg Mörtl die Mühle in Gräfelfing. Sein Vertrag mit dem damaligen Eigentümer, dem Grafen von Seeholzen, liest sich als unmittelbares Zeitzeugnis über das Verhältnis Feudalherr und Untertan. Veit Ulrich Romung von Seeholzen, der Obereigentümer, stellte Mörtl darin den damals üblichen Freistiftsbrief aus. Er legte eine Stift von drei Kreuzern fest, daneben die Gilt: vier Scheffel Korn, drei Scheffel Hafer und zwei Scheffel Gerste. Als Küchendienst kamen Naturalien dazu, ein Lamm, 50 Eier, zwei Gänse und vier Hühner. Zusätzich musste Mörtl seinem Grundherrn jederzeit mit Ross und Wagen Frondienst leisten.
Viel später, erst 1938, kam die Mühle als Dependance der Münchner Kraemer'schen Kunstmühle zu ihrem Namen. Kurzzeitig funktionierten sie die neuen Besitzer wegen der Bombenangriffe in der Stadt von 1942 bis 1943 nochmals zur Getreidemühle um. Nach dem Krieg hielt sich dort bis Ende der 70er Jahre die Firma Matzinger Hundeflocken. Die bei der Produktion freigesetzten üblen Gerüche brachten die Nachbarn immer wieder gegen das Unternehmen auf.
Die Gebäude auf der Insel dagegen werden nach wie vor von Handwerksbetrieben genutzt. "Hier war ein Silo", sagt Spengler Walter Lüftenegger und zeigt auf das Zwischengeschoss. "Diesen Boden habe ich selbst eingezogen" Der ältere Teil der Mühle am östlichen Würmufer wird heute als Hotel und Restaurant genutzt.
Weitere historische Zeugnisse finden Technikbegeisterte 80 Meter südlich. Im sogenannten Park-Museum stellt die Kraemer'sche Kunstmühle ausgediente Mühlräder und einen antiquierten Generator zur Schau.
Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Kraemermühle auch als Sägewerk genutzt. FOTO: FKN
Die Gräfelfinger Wehranlage: eine Turbine am östlichen Würmarm betreibt das kleine Wasserwerk rechts im Bild, im Gebäude links ist heute eine Spengelerei untergebracht. FOTO: DR